Erdbeeren im Schnee

So fiel mir also an einem dieser verregneten Mai-Sonntage ein Buch in die Hände.

Normalerweise sollte es doch schon warm sein, das hatte ich mir so gedacht, als ich vor drei Wochen die Erdbeer-Setzlinge ausgepflanzt hatte, welche nun mit Frost überzogen auf dem Balkon standen.

Es passiert mir immer öfter in letzter Zeit, dass ich mir erlaube, von etwas eine ganz genaue Vorstellung zu haben. Wie etwas laufen soll und was zu welchem Zeitpunkt zu passieren hat.
Dann fängt es plötzlich an zu schneien.

Und das ist ja noch harmlos! Denn was ist schon ein bisschen Schnee im Gegensatz zu einem perfekt geplanten Pitch, der sich in das nächste Meeting verschiebt, weil es der Kollege nicht rechtzeitig zur vereinbarten Zeit geschafft hat.
Noch schlimmer: Der Stau, welcher durch einen Unfall die Straßen mehrere Stunden lahmlegt und man so viel zu spät beim Kunden erscheint, obwohl man genug Zeit eingeplant hatte.
Oder man rechnet mit Ergebnissen des Kollegen, um genau an dem  für heute geplanten Projekt weiter zu arbeiten. Da kommt eine Mail, welche den Kollegen krank meldet. Das Projekt steht still.

So entsteht eine Kette aus Dominosteinen und der Büro-Tag wird garantiert zu einer Abwärtsspirale. Jedenfalls für mich.
Wir Menschen sind nämlich Gewohnheitstiere und mögen Strukturen. Was wir absolut nicht ausstehen können, sind Dinge die wir nicht planen können.
So ist es also kaum verwunderlich, dass uns solche ungeahnten Zwischenfälle, die das Leben immer mal wieder für uns bereit hält, ganz schnell komplett aus der Bahn werfen können. Die Scheuklappen sitzen plötzlich auf beiden Augen und es existiert nur noch der Plan, die Struktur,  die man sich selbst so sorgfältig zusammengestellt hatte und die jetzt zu scheitern droht.
Dass es offensichtlich auch die Möglichkeit gibt, den Plan zu ändern, einfach dem zu folgen was gerade ist, daran denke ich oft nicht.

Während ich auf meinem Sofa in dem schön verzierten Buch stöbere, kommt mir eine potenzielle Idee zur Veränderung. Diese Worte aus Sei jetzt hier, fallen mir ins Auge und ich muss an die Dominosteine denken.

 

Du stehst auf einer Brücke
Und beobachtest
Dich selbst,
Wie du vorüber ziehst.

Wow! Schau dir das an!

 

Das ist es! Könnte es eine Idee sein, sich aktiv in die Reaktionskette einzubinden?
Einfach zuerst genau und während alle Sinne geschärft sind, zu beobachten?

Und nicht durch das zwanghafte festhalten, am ursprünglich selbst aufgestellten Plan, immer mehr Steine anzurempeln.

Kurz aussteigen und beobachten in welche Richtung die Steine kippen.

Dieses Aussteigen und Beobachten von der Gegebenheit des Moments, lässt sich mit Achtsamkeitspraxis üben.  (Dazu bald mehr)

So bemerkt man anfangs die Möglichkeit des Ausstiegs noch gar nicht, während man irgendwann damit anfängt zu erkennen, dass man die Möglichkeit des Ausstiegs verpasst hat. Und irgendwann, irgendwann gelingt es, immer wieder kurz auszusteigen. Zu beobachten. Die vielen Möglichkeiten zu erkennen und wieder einzusteigen in das, was jetzt gerade ist.

Dann kehrt plötzlich Ruhe ein, in Ihnen und im Büro, auch wenn der Pitch beim Kunden eine Stunde später beginnt.

- Marie Bayer, BWL-Studentin bei Kalapa Leadership Academy