Enorm: Weniger ist mehr

Gelassenheit und Erfolg sind keine Gegensätze – das erkennen immer mehr Unternehmen. Was hinter der neuen Achtsamkeit steckt.

Artikel erschienen in ENORM, Januar 2015

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(...) Achtsamkeitstraining? Für einen Manager? Als Cathrin Frey, Personalentwicklerin bei Fujitsu TDS, vor einem Jahr mit diesem Vorschlag auf Rohde zukam, hatte er gelacht: „Das war für mich Firlefanz, was Re- ligiöses.“ Andererseits, warum sollte er es nicht mal ausprobieren? Schon lange wollte er etwas gegen den Stress in seinem Team unternehmen. In vielen Projekten wuchs die Komplexität des Alltags Mitarbei- tern und Führungskräften über den Kopf. Sie stießen „zunehmend an Grenzen“, so Rohde.
Nicht zufällig hatte er sich selbst in letzter Zeit privat mit Literatur zur Stressbewältigung beschäftigt.

Vielleicht wäre das Achtsamkeitstraining doch ein hilfreicher Ansatz. Nachdem Rohde einen Vortrag über Achtsamkeit gehört hatte, über Prinzip, Wirkung, wissenschaftliche Erkenntnisse, entschied er: „Das probiere ich aus.“ Acht Wochen lang besuchte er mit acht weiteren Kollegen von der Geschäftsleitung bis zum Sachbearbeiter das Training. „Heute ist Achtsamkeit mein Erfolgsrezept schlechthin.“ (...)

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(...) Kurz: Achtsamkeitsmeditation zeigt Wirkung – ganz ohne Räucherstäbchen und Gebetsfahnen. An der Kalapa Leadership Academy finden mittlerweile im Jahr dreißig, vierzig Seminare zur Achtsamkeitsmeditation statt, schnell sind sie ausgebucht. „Die Zeit ist reif für das Thema“, sagt Tamdjidi.

Der Managementtrainer hat ein Achtsamkeitstraining entwickelt, das ganz auf die Bedürfnisse von Führungskräften im Unternehmensalltag zugeschnitten ist. ''WorkingMIND'' nennt sich das Projekt, an dem mittlerweile 14 Unternehmen teilnehmen, die meisten große Player wie Bosch, Beiersdorf, dm oder Fujitsu. Ein gutes Dutzend Führungskräfte kniet sich acht bis zehn Wochen in das Programm.

Zum Auftakt lernen sie die wissenschaftlichen Grundlagen der Achtsamkeitmethoden kennen, üben achtsames Gehen und Meditieren mit Atemübungen. Dann geht es um Themen wie den Umgang mit E- Mails: Welche brauche ich wirklich? Wer muss auf CC? Wie kann ich die Abfrageroutinen optimieren? Dreimal am Tag Mails checken zum Beispiel, statt alle drei Minuten. Auch in Meetings ist Achtsamkeit gefragt: Wie nehme ich mein Gegenüber wahr, was entgeht mir? Was verraten Körpersprache und Tonalität? Wie entwickle ich ein Gespür für Stimmungen, wie nehme ich sie respektvoll auf und gebe wertschätzendes Feedback? Oder das Thema Übergänge gestalten: Wie lässt sich der Wechsel von Meeting zum Projektentwurf, von der Telefonkonferenz zum Arbeitsessen bewusster gestalten, statt von Termin zu Termin zu hasten.

Damit sich die Übungen aus den Modulen langsam in Routinen verwandeln, bekommen alle Teilnehmer eine App auf ihr Smartphone, mit der sie anonym protokollieren müssen: Was habe ich umgesetzt? Wo hakt es? „Am schwersten fällt es vielen Führungskräften, ganz bei einer Sache zu sein: fully minded“, resümiert Chris Tamdjidi. Das üben sie. „Wenn ich eine Mail abfrage, bin ich ganz bei der Mail. Wenn ich eine Atemübung mache, bin ich ganz beim Atmen. Wenn ich gehe, gehe ich.üDie Sonne steht tief über der Terrasse von Schloss Bensberg, der Blick gen Horizont reicht über die Rheinebene bis nach Köln. Drinnen klappert Teegeschirr, Stimmen schwirren durcheinander. Die Stimmung ist aufgeräumt. Chris Tamdjidi federt auf die Bühne und schaut lächelnd ins Publikum. Knapp hundert Manager, Trainer, Personaler, Berater lächeln gespannt zurück. (...)

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